«Russland - Potenzial nutzen heisst es erarbeiten»

Neue Technologien und Informationskanäle stehen heute jedoch vielen jungen Leuten zur Verfügung und werden von ihnen auch rege benutzt. Verlässliche Beziehungen kann man in Russland – wie woanders auch – allerdings mit Alt und Jung nur langfristig aufbauen. Das in dem grossen Land vorhandene Potenzial ist enorm, aber die sich daraus ergebenden Chancen fallen einem nicht einfach in den Schoss. Es bedarf einigen Anstrengungen, um dieses Potenzial nutzbar zu machen. Und dabei kann die Osec äusserst wertvolle Hilfe leisten. Vor allem die Bereiche Chemikalien, Maschinen/Apparate und Präzisionsinstrumente haben sich als wichtigste Export-Branchen für Schweizer etabliert. «export!» hat Leo Ribeli, Head Swiss Business Hub Russia, dazu einige Fragen gestellt.

«Zwischenmenschliche Beziehungen sind entscheidend»

Es ist sicher wichtig, sich für den Smalltalk und den Alltag auch in Russisch ausdrücken zu können. Muss man für richtige Business-Inhalte nicht trotzdem auf Dolmetscher-Dienste zurückgreifen, um etwaigen Missverständnissen aus dem Weg zu gehen? Die Kostenfrage dürfte da in den Hintergrund treten …
Leo Ribeli: Ich stimme dieser Ansicht zu.

Und umgekehrt? Wie gut können russische Geschäftsleute Englisch?
Das ist eine Generationenfrage. Junge Russinnen und Russen sprechen teilweise sehr, sehr gut englisch. Bei Leuten ab 50 sind Fremdsprachenkenntnisse seltener vorhanden. Die junge Generation, die Ambitionen hat, lernt aber ungemein schnell.

Welche Bedeutung hat die Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Weissrussland, die am 1. Juli in Kraft getreten ist, für das Geschäft mit Russland?
Nach unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten in der Umsetzung wird sie dafür sorgen, dass die Zollformalitäten im gegenseitigen Warenverkehr reduziert werden. Das Handelspotenzial und das Umsatzvolumen im gegenseitigen Handel wird dadurch erhöht.

Und der geplante Freihandelsvertrag zwischen den Efta-Staaten und Russland?
Er soll auf die beiden Staaten Weissrussland und Kasachstan ausgeweitet werden. Und nicht nur den Warenverkehr betreffen, sondern auch Dienstleistungen, Investitionen, den Schutz geistiger Eigentumsrechte, das öffentliche Beschaffungswesen sowie die Wettbewerbsregeln.

Welchen Anschub könnten die Olympischen Winterspiele in Sotschi geben?
Die Olympischen Winterspiele sind für Russland ein einmaliges Werbefenster. Eine erfolgreiche Durchführung dieses Anlasses wird es dem Land erlauben, sich als modernes, aufgeschlossenes Land zu präsentieren, das den Vergleich mit früheren Austragungsorten nicht zu scheuen braucht. Nur neueste Technologie wird verwendet, und es wird kein Aufwand und keine Mühe gescheut, um ein glänzendes Resultat zu erzielen.

Wo konkret können Schweizer im Umfeld dieses Anlasses Fuss fassen?
Schweizer Firmen haben dann eine Chance, wenn sie konkurrenzfähige Produkte anbieten und vorteilhafterweise über lokale Partner (also sogenannte Türöffner) verfügen. Hier ist in erster Linie der Dienstleistungssektor, insbesondere bei Planungen, angesprochen. Übrigens plant die Schweiz die Eröffnung eines Konsulates in Sotschi, womit sie über einen Kontaktpunkt vor Ort verfügen wird, der auch für die wirtschaftlichen Interessen von Schweizer Firmen von Interesse sein kann.

Wie sollten Schweizer vorgehen?
Ein Weg ist die Verfolgung der öffentlichen Ausschreibungen seitens der State Corporation Olimpstroy. Eine weitere Möglichkeit ist die Teilnahme am Internationalen Investorenforum von Sotschi, das vom 16. bis 19. September 2010 in Sotschi stattfindet. Diese Veranstaltung in Sotschi ist eine erstklassige Kontaktbörse.

Welche Regionen abgesehen von Moskau und St. Petersburg bieten interessante Branchen und Partner?
Russland hat über 80 Regionen. Obwohl Moskau und St. Petersburg die wirtschaftlichen stärksten Regionen sind, dürfen auch das Ural-Gebiet, Zentralrussland und Sibirien nicht übersehen werden. Auskunft über interessante Regionen geben unter anderem die Informationen, die der Swiss Business Hub Russia auf seiner Website publiziert.

Ein immer aktuelles Thema ist die russische Bürokratie. Wie wirkt sie sich im Alltag aus, und worauf sollte man achten?
Bürokratie ist manchmal tatsächlich ein Problem in Russland. Wichtig ist, dass man sich genau informiert, was von einem verlangt wird. Eine allgemeine Verhaltensregel im Umgang mit Behörden und Amtsstellen gibt es nicht. Höflichkeit und Korrektheit helfen jedoch, eventuell aufkommende Emotionen abzubauen und das Ziel zu erreichen. Auch darf der Zeitfaktor nicht aus den Augen gelassen werden: Gewisse Formalitäten nehmen bedeutend mehr Zeit in Anspruch, als man vielleicht gemeinhin erwartet.

Wie konnten Sie Ihren Schweizer Kunden schon konkret helfen? Und welches Feedback haben Sie erhalten?
Eine wichtige Aufgabe des Swiss Business Hub ist die Kontaktvermittlung zwischen schweizerischen und russischen Firmen oder Partnern. Im Auftrag von Schweizer oder liechtensteinischen Firmen unterstützt der Swiss Business Hub Russia Gesuchsteller bei Ihrer Partnersuche für den Absatz ihrer Produkte oder hilft bei der Vermittlung von Gesprächspartnern. Auskunft über unsere Erfolge geben auch die so genannten Success Stories, die die Osec publiziert.

Können Sie uns noch einen Tipp im Umgang mit russischen Geschäftspartnern geben?
Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind entscheidend. Geschäfte kommen dann zu Stande, wenn sich die daran beteiligten Partner vertrauen. Dieses Vertrauen muss jedoch zuerst aufgebaut werden. Dies ist normalerweise eine längerfristiger Prozess. Die breite Aneignung von Kenntnissen über das Land, seine Menschen und deren Kultur ist eine wertvolle Investition, die sich letztlich auf konkrete Geschäftsabschlüsse auswirken kann. Und: Bestehende Beziehungen sind weiter zu unterhalten.

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