US-ICT: Immer noch tonangebend

Schweizer Exporteure, die sich für den ICT-Markt USA, einem der Kernmärkte, interessieren, können seit Oktober 2011 auf eine weitere wichtige Informationsquelle zurückgreifen: Mit der «Market Study ICT Sector U.S.» steht (auf Englisch) eine umfangreiche Zielmarktanalyse zur Verfügung, die nicht nur die Struktur, die Funktionsweise und die Trends des US-ICT-Sektors, sondern auch die bis in die Untersegmente des Marktes aufgegliederten Chancen für Schweizer Unternehmen aufzeigt.

ICT-Wachstumsrate: doppelt so hoch wie BIP
Was beim US-ICT-Markt (mit einem Volumen von über USD 724 Mia.) sofort auffällt, sind die hohen Wachstumsraten. 2010 wuchs er um 6%, für 2011 wird sogar mit 7.4% gerechnet, was doppelt so hoch ist wie das nominale BIP-Wachstum. Vielsagend ist in diesem Zusammenhang auch die Einschätzung vom Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG, das den amerikanischen ICT-Markt als den weltweit besten (noch vor China und Indien!) betrachtet hinsichtlich des Potenzials für technologiebasierendes Umsatzwachstum.

Treibende Marktkräfte
Es lassen sich einige treibende Kräfte im US-ICT-Markt identifizieren. Dazu gehört das Feld der IT-Governance mit neuen, von Privacy- und Sicherheitsbedürfnissen bestimmten Modellen. Beim Thema IT-Architektur lautet das Schlüsselwort eindeutig Flexibilität. Beim Solutions Delivery hingegen wird die Fähigkeit, neue Technologien zu übernehmen, entscheidend sein. Auch Outsourcing wird weiterhin Schlagwort bleiben. Hier liegt der Knackpunkt darin, das Outsourcing vermehrt für strategische Aufgaben statt für den Commodity-Bereich zu nutzen. Überdies müssen strategische Ausrichtungen vermehrt dazu führen, dass IT als Motor der Geschäftsentwicklung und nicht einfach nur als Kostenstelle betrachtet wird.

Megatrends
Es lassen sich technologische Trends feststellen, die auch weltweit zu beobachten sind. Dennoch hat der US-amerikanische Markt seine Rolle als Trendsetter nicht verloren. An erster Stelle ist sicherlich das Cloud Computing zu nennen. Es erfasst alle ICT-Sektoren und wird von Unternehmen und Regierungsorganisationen als strategisch erachtet. Weiter an Gewicht gewinnen wird die IT-Sicherheit. Die zunehmenden Cyber-Attacken wie auch die Cyber-Kriegsführung sorgen nicht nur für Beunruhigung, sondern schaffen auch Geschäftsmöglichkeiten in verschiedenen Sparten. Selbstredend ist der Megatrend «Mobile», der alle Bereiche der Geschäftswelt und des privaten Alltags erorbert.   

Vertiefendes Interview
Frank Ustar vom Swiss Business Hub USA ist mit dem US-ICT-Markt vertraut. Im Interview liefert der in Los Angeles tätige Trade Commissioner aufschlussreiche Zusatzinformationen im Zusammenhang mit der Studie.

In den USA sind die Wachstumsraten des ICT-Markts ist viel höher als das BIP-Wachstum. Glauben Sie, dass diese Entwicklung trotz der schwierigen Wirtschaftslage anhalten wird?

Die US-Wirtschaft scheint sich durchzuschlängeln und wird wohl einer Rezession ausweichen können, vorausgesetzt, dass sich die Lage in Europa nicht dramatisch verschärft. Viele Firmen, die auf Cloud Computing und SaaS, Software as a Service, setzen, werden Investitionen auf Betriebsausgaben umlagern, um Effizienzsteigerungen zu erzielen. 

Software as a Service sowie Cloud Computing als Methoden zur Effizienzsteigerung erlaubt Firmen, damit verbundene Kosten als Betriebsausgaben statt Anlageinvestitionen verbuchen zu können. Es werden jedoch nicht alle IT-Sektoren das gleiche Wachstum zeigen. So werden Mobile-orientierte Anwendungen und Schnittstellen im Bereich Berührung, Gesten oder Voice-Search merklich wachsen, allen voran Apple. Für Datensicherheit und die Sicherheit der physischen Infrastruktur sowie für Smart-Grid-Anwendungen wird die starke Nachfrage anhalten. Der PC-Markt hingegen wird wohl im Vergleich zu den Tablets hinterherhinken.

Die Studie verbindet den Smart-Grid-Sektor mit einem hohen Geschäftspotenzial für Schweizer Firmen. Die Attraktivität dieses Sektors hängt aber stark von Investitionen der Regierung und der Versorgungsunternehmen ab, mit denen die alternde Infrastruktur erneuert werden soll. Werden diese Investitionen trotz der angespannten Haushaltslage – Stichwort Defizitabbau – fortgesetzt?

Der Trend in Richtung verringertem Energieverbrauch wird sich fortsetzen, in der Industrie und im Handel wie auch bei den Haushalten. Das stärkste Smark-Grid-Wachstum werden wir aber im erstgenannten Bereich finden, während die fortgesetzten Probleme im Wohnungsbausektor die Entwicklung verzögern. Zudem werden nicht alle Elemente im Smart-Grid-Spektrum gleich schnell wachsen, das heisst Sensoren und Geräte werden sich am kräftigsten entwickeln, gefolgt von intelligenten Messgeräten und Kommunikationseinrichtungen und Protokollen. Einen weiteren Indikator für die allgemein positiven Aussichten liefern die ziemlich ausgeprägten Merger&Acquisitions-Aktivitäten 2010, die sich auch ins laufende Jahr zogen.

Auch in Zukunft wird in den USA viel für IT-Sicherheit ausgegeben werden. Entsprechend interessante Nischen ergeben sich für ausländische Firmen. Bei der IT-Sicherheit handelt es sich jedoch um einen sensitiven Bereich von nationalem Interesse. Wird es spezielle, sprich: administrative oder sicherheits- bzw. handelspolitische, Hürden für Schweizer Firmen geben?

Die Ausgabesituation bei den Regierungsstellen wird weiterhin robust bleiben. Buy- American-Empfehlungen bzw. –Auflagen bei den meisten Projekten, die mit Steuergeldern finanziert werden, stellen eine Hürde für ausländische Anbieter dar. Trotzdem sind diese Stellen (Auftraggeber) offen für die Evaluation neuer Ansätze, die erhöhte Sicherheit für Daten oder die physische Infrastruktur bieten. Ein ausländischer Anbieter sollte OEM-Systeme anbieten, denn Tier 1 und 2 Verkäufer, die mit OEM handeln, haben es einfacher, die Bedürfnisse abzudecken. (Ausländische Anbieter, die in meisten Fällen Tier 1 oder Tier 2 Anbieter sind,  können sich dabei auf die Erfahrung  der OEM Anbieter verlassen, was solche Hürden weniger steil machen.) Das Gleiche gilt für «local content» Anforderungen, die von der ausschreibenden Stelle oft flexibel gehandhabt werden.

Die Studie rechnet im Financial-Services-Bereich mit guten Geschäftschancen für Schweizer Unternehmen. Können diese von der Tatsache profitieren, dass die Schweiz allgemein mit der Finanzindustrie und dem entsprechenden Know-how assoziiert wird, oder geht einfach nur darum, das richtige Produkt in der richtigen Nische anzubieten?

Die Produkte werden am ehesten nach ihren eigenen Qualitäten beurteilt, wobei Legacy-Applikationen bei namhaften Schweizer Finanzinstituten ein Verkaufsargument sein können. Die beiden interessantesten Bereiche sind jene der kundennahen und der produktivitätssteigernden Lösungen. Die Integration dieser Lösungen in bestehende IT-Systeme stellt in der Regel eine grosser Herausforderung dar.

Nennen Sie uns die vier in Ihren Augen wichtigsten Erfolgsfaktoren für Schweizer Unternehmen, die im US-Markt Fuss fassen möchten.

Ich sehe diese vier Faktoren als die wichtigsten an, wobei die Reihenfolge keine Aussage  über deren Priorität darstellt: Wichtig ist das Verständnis dafür, wie das angepeilte Business funktioniert. Dazu gehören Elemente wie gesetzliche Bestimmungen, Verkaufskanäle, das Konkurrenzumfeld oder das Kaufverhalten. Ein zentraler Punkt ist auch die richtige bzw. sorgfältige Wahl des Verkaufskanalpartners und die dazugehörige Bereitschaft, diese auch mit persönlichen Besuchen zu unterstützen. Entscheidend ist ausserdem, Produkteigenschaften an Kundenbedürfnisse anzupassen. Es gilt die Maxime der Kunden- statt Produktorientierung. Und letztlich braucht es finanzielles Durchhaltevermögen, um die Anfangsphase zu überbrücken.

Antworten: Frank Ustar, Trade Commissioner, Swiss Business Hub USA, Los Angeles.

Die Studie steht für Osec-Mitglieder kostenlos zum Download bereit. Auch wer nicht Mitglied ist, kann den Branchenbericht bestellen (CHF 170.–).

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