Schweizer Export vor der Wende?
Daniel Küng, CEO des Aussenwirtschaftsförderers Osec, schaut mit Zuversicht nach vorn. Trotz ungünstigen konjunkturellen Rahmenbedingungen und Wechselkursverhältnissen sieht er die Schweizer Exportindustrie global nach wie vor gut positioniert und ausreichend gerüstet, um der harten Konkurrenz im internationalen Wettbewerb auch in Zukunft Paroli bieten und allfällige Krisenverschärfungen meistern zu können. Wo die Schweizer Exportindustrie tatsächlich steht, welchen Herausforderungen sie sich stellen muss, wie sie ihren Erfolgskurs auch in unruhigen Zeiten halten kann und welche Rolle dabei der Osec zukommt, erläutert Daniel Küng in einem am Samstag erschienenen Artikel der «Finanz und Wirtschaft».
«Das Jahr 2011 stand im Zeichen der Frankenstärke.» Mit diesen Worten charakterisiert Daniel Küng die Tätigkeit des Schweizer Aussenwirtschaftsförderers. Die Osec leistet u. a. im Bereich der Exportförderung Hilfestellung an Klein- und Mittelunternehmen (KMU).
Schweizer KMU sind durch die feste helvetische Valuta unter Druck geraten: 2007 hatte der Franken zum EuroName der Einheitswährung der Europäischen Union (EU), die allerdings vorerst nur von 17 (momentan) der 27 Mitgliedstaaten genutzt wird. Grossbritannien, Dänemark und Schweden sowie Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Polen, Tschechien und Ungarn halten noch an ihren traditionellen nationalen Währungen fest.
Daneben wird der Euro in einer ganzen Reihe weiterer Länder, wie beispielsweise in nahen Nachbarländern und früheren Kolonien, entweder formal als gesetzliches Zahlungsmittel oder für praktische Zwecke verwendet. So beispielsweise Andorra, Montenegro, Kosovo, San Marino und der Vatikan.
Die Einheitswährung existiert seit dem 1. Januar 1999 als Buchgeld; die Wechselkurse der Währungen der beteiligten Staaten sind seit diesem Datum untereinander und zum Euro fixiert. Seit dem 1. Januar 2002 sind auch Euro-Noten und -Münzen in Umlauf.
Der Euro wurde im Rahmen der so genannten Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) realisiert. An dieser Währungsunion können nur EU-Staaten teilnehmen, die bestimmte Konvergenzkriterien (auch Maastricht-Kriterien genannt) erfüllen. Diese Kriterien enthalten Vorgaben über die Höhe des zulässigen Inflations- und Zinsniveaus, über die Staatsverschuldung sowie über die störungsfreie Teilnahme am Europäischen Währungssystem (EWS; System zur Stabilisierung der Wechselkurse der Währungen der EU-Staaten). Im Rahmen eines Mechanismus zur Koordinierung und Überwachung der nationalen Wirtschaftspolitiken wird die Einhaltung dieser Kriterien periodisch überprüft. Ziel ist es, in den an der WWU beteiligten EU-Staaten eine möglichst hohe Preisniveaustabilität zu gewährleisten. Diesem Ziel ist auch die Europäische Zentralbank verpflichtet, die seit der Einführung des Euro anstelle der nation über 1.60 Fr./€ notiert, Anfang August des vergangenen Jahres wurde auf 1.03 Fr./€ ein Rekord markiert. Dies veranlasste die SNB, eine Untergrenze auf 1.20 Fr./€ zu setzen. Nahezu dasselbe gilt für den Greenback: 2007 über 1.20 Fr./$, Anfang August 2011 ein Rekord auf 0,7209 Fr./$.
Im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» erläutert Küng: «Solange die Frankenstärke in dieser ausgeprägten Form herrscht, haben exportierende KMU vor allem ein Margenproblem – sofern die Produktionsmenge aufrechterhalten werden kann. Doch mit der Konjunkturabkühlung im vierten Quartal 2011 ist das ganze Mengengerüst ins Rutschen geraten. Diese Kombination macht nun zu schaffen.» Unter dieser Situation besonders leiden würden die metallverarbeitende Industrie, Zulieferer und Maschinenhersteller. Mittel- bis langfristig spürbar seien zudem die fehlenden finanziellen Mittel für Innovationen und technologische Erneuerungen – viele KMU hätten ihre Reservepolster schon aufgebraucht.
Drei FreihandelsabkommenFreihandelsabkommen erfassen im Regelfall den grenzüberschreitenden Warenverkehr zwischen den Vertragsparteien. Waren, die unter solche Abkommen fallen, kommen in den Genuss von Zollbegünstigungen bzw. Zollbefreiung. Sie müssen allerdings Ursprung in einem der Vertragsstaaten haben, um von dieser präferenziellen Behandlung zu profitieren.
Die Schweiz hat mit verschiedenen Staaten und Staatengruppen Freihandelsabkommen abgeschlossen.
Inwiefern hat die Osec den Unternehmen unter die Arme gegriffen? Der CEO erläutert: «Unsere Tätigkeiten sind in verschiedene Richtungen gegangen. Erstens haben wir Methoden aufgezeigt, wie sich KMU angesichts der Frankenstärke verhalten können, eine Art Währungsberatung. Zweitens animierten wir sie, sich in andere Exportmärkte zu bewegen, besonders in Schwellenländer. Und auf Anfrage von Unternehmen zeigten wir alternative Wege bei ihren Internationalisierungsbestrebungen, beispielsweise im Lieferantenmanagement. Im Zentrum unserer Beratung steht immer die Erhaltung des Werkplatzes Schweiz und die Erhöhung der Exportfähigkeit der Schweizer KMU.»
Diese Richtungen will Küng auch 2012 verstärken und legt den Fokus auf die Nicht-Euro-Märkte. In diesem Bereich mache zudem die Schweizer Regierung sehr viel. Im Moment verhandle sie mit Indien, China und Indonesien über Freihandelsabkommen. «Das ist rund ein Drittel der Weltbevölkerung – dadurch profitiert die Schweizer Wirtschaft von erleichterten Handelsbeziehungen. Dies an einem Ort, an dem die EU noch nicht tätig ist. Dadurch haben Schweizer KMU einen Startvorsprung. Er erlaubt es ihnen, sich frühzeitig zu positionieren.»
Nicht nur die zu erwartenden Freihandelsabkommen stimmen positiv für die Schweizer Exportwirtschaft: Der von Credit Suisse und der Osec berechnete KMU-Exportindikator hat sich für das erste Quartal 2012 auf dem tiefen Niveau von 49,5 Punkten stabilisiert (Vorquartal 49,7 Punkte). Das Berechnungsprinzip des Index ist einfach: Die Gesellschaften geben an, ob sie im laufenden Quartal im Vergleich zum Vorquartal einen Zuwachs, eine Stagnation oder einen Rückgang ihrer Exporte erwarten. Die gleiche Frage wird auch für das folgende Quartal im Vergleich zum laufenden Vierteljahr gestellt. Die erwartete Exportaktivität im Folgequartal wird mit 60% gewichtet, Ausfuhren mit 40%. Die Skala reicht von 0 bis 100. Eine Punktzahl zwischen 0 und 50 signalisiert somit einen Exportrückgang, Werte darüber Wachstum.
KMU-Indikator stabil
Küng interpretiert: «Unser KMU-Exportindikator, den wir zusammen mit der Credit Suisse lanciert haben, hat ganz deutlich gezeigt, dass Unternehmen Innovation als eines der Allheilmittel für die derzeit schwierige Situation betrachten.» Das erlaube es den KMU, sich zu einem gewissen Grad aus dem reinen Preiswettbewerb auszuklinken – sofern es sich um einen Markt handle, der bereit ist, für Qualität einen entsprechenden Preis zu bezahlen. Solche Märkte seien beispielsweise Deutschland, Japan und Skandinavien.
Schwellenländer hingegen verhielten sich eher preiselastisch. «Die jüngsten Daten des KMU-Exportindikators deuten darauf hin, dass wir nahe daran oder bereits an einem Wendepunkt angelangt sind», stellt der CEO fest. Das bedeute aber nicht, dass die Exportwirtschaft ihre Sorgen bereits im nächsten Quartal los sei, sondern eher dass die Exporterwartungen wieder leicht steigen könnten. JR
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