Osec-Analyse: Wirtschaftliche Folgen der Überschwemmungen in Thailand

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Seit Oktober 2011 ist Thailand von schweren Überschwemmungen betroffen. Obwohl die Situation nicht als humanitäre Katastrophe bezeichnet werden kann, sind die wirtschaftlichen Folgen für das Land einschneidend. Auch einzelne Schweizer Unternehmen sind betroffen.

Im Gegensatz zu den wirtschaftlich wenig relevanten politischen Krisen der letzten Jahre wird dieses Flutereignis das Wirtschaftswachstum 2011 bremsen. Ein Teil dieser Wachstumseinbussen dürfte allerdings 2012 mit einem neuen Aufholschub dank Investitionen in den Wiederaufbau wieder wettgemacht werden. Namentlich in der Auto- und Elektronikindustrie haben die Fluten auch Auswirkungen auf das globale Angebot.

Auch einzelne Schweizer Unternehmen in Thailand sind direkt von den Fluten betroffen. Der Schaden bei diesen Unternehmen beschränkt sich aber auf das lokale Geschäft. Der zu erwartende Wiederaufbau und mehr Investitionen in die Hochwasser-Prävention bieten auch Schweizer Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten.

Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Überschwemmungen

Die Flutschäden in der Industrie haben die grosse globale Bedeutung des Werkplatzes Thailand verdeutlicht. Toyota macht neben dem Tsunami auch die Überschwemmungen in Thailand dafür „verantwortlich“, dass sie im Ranking der weltweit grössten Autobauer in einem Jahr vom ersten auf den dritten Rang zurück gefallen sind. Sony erklärte die verspätete Markteinführung einer neuen Kamera mit dem Hochwasser in Thailand. Verschiedene Computerhersteller haben wegen der Produktionsausfälle in Thailand bereits globale Lieferengpässe und Preiserhöhungen angekündigt. Thailand ist der weltweit grösste Reisexporteur. Trotz grosser Schäden in der Landwirtschaft sind bei den Weltmarktpreisen für Reis wegen der Auffangkapazitäten in der Region (vorab Indien) keine drastischen Steigerungen zu erwarten.

Die am stärksten betroffenen Sektoren sind die Auto- und Elektronikindustrie, die Landwirtschaft (Reis) und der Tourismus. Im 4. Quartal 2011 wird mit einer Wachstumseinbusse von bis zu 3% gerechnet. Die UBS (siehe UBS Investment Research: Thailand's flodd and the network impact) und die thailändische Zentralbank (Bank of Thailand - BoT) erwarten für 2011 ein reduziertes Wachstum von 2,6%. Das staatliche National Economic and Social Development Board (NESDB) korrigierte am 21. November 2011 die Wachstumsprognosen für das Jahr 2011 sogar von 4% auf 1,5%. Das NESDB geht dafür von einer sehr dynamischen Erholung 2012 aus, mit einem Jahres-Wirtschaftswachstum von 4,5% bis 5,5%.

Für 2012 kann man tatsächlich eine wirtschaftliche Erholung erwarten. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden: hoher Kapitalstock, gute Arbeitskräfte. Die Infrastruktur dürfte schnell wiederhergestellt sein. Für 2012 erwartet die UBS ein leicht erhöhtes Wachstum der thailändischen Wirtschaft von 3,2%. Der Produktionsausstoss sollte im Laufe des nächsten Jahres wieder Vorkrisenniveau erreichen. Dank aufgeschobenen Konsum- und Investitionsentscheiden und dem Wiederaufbau dürften sogar die Produktionsausfälle wieder wettgemacht werden.

Während mittelfristig das Budgetdefizit eine Herausforderung bleibt, scheint Thailand stark genug, um diese Krise auch wirtschaftlich meistern zu können. Trotz einigen Murrens - vor allem auf Seiten der japanischen Hersteller - werden Thailand wegen der Flut kaum wesentliche Anteile an der regionalen Industrieproduktion verloren gehen. Thailands grundsätzliche Herausforderungen, um seine wirtschaftliche Stellung mittelfristig bewahren zu können, wiegen weiterhin schwerer:

  • dringend notwendige Liberalisierung des Dienstleistungssektors
  • Erhöhung des Eigenanteils an Forschung und Innovation
  • bessere regionale Integration
  • sozial inklusivere Wirtschaft
  • Minimierung ordnungspolitischer Risiken.

Die Folgen des Hochwassers dürften kurzfristig die Inflation verstärken. Die Zentralbank passte ihre Prognose von 3,8% auf 3,9% für 2011 bzw. von 3,2% auf 3,5% für 2012 an. Weiter wird erwartet, dass das „Monetary Policy Committee“ der Zentralbank an seiner nächsten Sitzung vom 30. November 2011 den Leitzins (One-day repurchase rate, gegenwärtig bei 3,5%) um mindestens 0,25% senken wird.

Land unter in den Industrieparks um Bangkok

Seit Beginn der erfolgreichen Industrieförderung in den 1980er Jahren haben sich zahlreiche in- und ausländische Hersteller in standardisierten Industrieparks angesiedelt. Diese wähnten sich zu lange in Sicherheit – entsprechend gross ist (vor allem nördlich von Bangkok) das Ausmass der Schäden. Bisher wurden sieben Industrieparks in den Provinzen Ayutthaya, Nonthaburi und Pathum Thani überflutet und rund 14‘000 Unternehmen vom Hochwasser betroffen. Die Mehrzahl der in den sieben überfluteten Industrieparks befindlichen ausländischen Produktionsstätten sind japanischer Provenienz.

Die bisher angemeldeten Schäden belaufen sich auf umgerechnter CHF 6 Mrd., rund ein Viertel des gesamten Versicherungswertes. Die Industrieparks am „Eastern Seaboard“, der Region Chonburi-Rayong südöstlich der Hauptstadt, machen rund 23% der Industrieproduktion Thailands aus. Diese Parks sowie Thailands Haupthäfen werden voraussichtlich vom Hochwasser verschont bleiben. Hingegen musste der Zweitflughafen Bangkoks - Don Mueang - geschlossen werden, während der internationale Flughafen Suvarnabhumi sicher ist. Die Flughäfen sind insbesondere für den Transport von Artikeln mit hoher Wertschöpfung (vor allem Elektronik und Präzisionsteile) sowie für den Tourismus von Bedeutung.

Massnahmen der thailändischen Regierung

Zur Unterstützung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus bewilligte die Regierung am 25. Oktober zinsbegünstigte Darlehen für Unternehmen in der Höhe von CHF 9,6 Mrd. Zudem wurde die Höchstgrenze für das Haushaltsdefizit 2012 von umgerechnet CHF 10,4 auf 11,8 Mrd. erhöht. An der letzten Kabinettssitzung vom 15. November wurde die Aufnahme von zusätzlichen CHF 11 Mrd. bewilligt. Zur Zeit ist eine Diskussion zwischen Regierung, Opposition und Zentralbank über die Beschaffung der finanziellen Mittel für den Wiederaufbau im Gange.

Die Regierung hat bereits die Aufnahme neuer Mittel bewilligt, was die öffentliche Verschuldung erhöhen wird. Das von der Regierung neu gebildete „Rebuild Strategy Committee“ für den Wiederaufbau wird von Virabongse Ramangkura, einem früheren Wirtschaftsberater mehrerer Regierungen geführt. Ramangkuras erste Mission führte ihn nach London und Tokyo, um die dortigen Rückversicherer von der Wiederaufbauarbeit zu überzeugen. Eine Erhöhung der Rückversicherungsprämien für Thailand würde dessen Standortattraktivität mindern.

Auch Schweizer Unternehmen betroffen

Die Schweiz ist einer der wichtigsten ausländischen Investoren in Thailand (7. Rang, Ende 2010). Die rund 150 in Thailand tätigen Schweizer Unternehmen schaffen hier direkt über 40‘000 Arbeitsplätze und indirekt ein Vielfaches davon. Thailand ist für die Schweizer Industrie einer der wichtigsten Werkplätze in Asien. Rund 50 Schweizer Unternehmen produzieren in Thailand, zumeist in den Industrieparks um die Hauptstadt Bangkok und in der Region Chiang-Mai-Lamphun.

Auch Schweizer Unternehmen sind vom Hochwasser zum Teil arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Glücklicherweise aber waren ihre Produktionsausfälle bei weitem nicht so hoch wie zum Beispiel bei den japanischen Auto- oder Elektronikherstellern. Die Schweizer Unternehmen produzieren in Sektoren (Maschinen, Präzisionsinstrumente, Uhren, Schmuck, Nahrungsmittel, Chemie, Zement), deren globale Produktion auf mehr Schultern verteilt ist, als die besonders Thailand-lastige globale Auto- und Festplatten-Industrie. Die Produktion der betroffenen Schweizer Unternehmen ist mehrheitlich auf den regionalen und lokalen Markt ausgerichtet.

Kurz- und mittelfristig wird Thailand zusätzliche Mittel in den Wiederaufbau und in die Prävention künftiger Flutkatastrophen investieren. Dies stellt für Schweizer Firmen ein neues Marktpotenzial dar. Insbesondere im Maschinenbau sowie in vielen Bereichen der Hochwasserbekämpfung und -prävention können bewährte Schweizer Produkte auch in Thailand effiziente Lösungen einbringen, um die entstandenen Ausfälle zu kompensieren und künftige Schäden abzuwenden.

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