Osec-Analyse: Die politische und wirtschaftliche Lage im arabischen Raum (Juli 2011)
In der arabischen Welt ist noch keine Ruhe eingekehrt. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind in vielen Ländern nach wie vor instabil, in einigen herrschen gar immer noch bürgerkriegsähnliche Zustände. Nur in den Golfstaaten blüht die Wirtschaft - dafür umso kräftiger.
Zusammenfassung
Alles deutet zurzeit darauf hin, dass die MENA-Region (Naher und Mittlerer Osten und Nordafrika) mit Ausnahme der Golfstaaten in eine längerfristige Phase der Unsicherheit und Instabilität eingetreten ist. Im Unterschied dazu kann die gegenwärtige Situation der meisten Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) als stabil und in wirtschaftlicher Hinsicht auch für ausländische Unternehmen als sehr attraktiv bezeichnet werden.
Diese Dichotomie der Entwicklungen in der Region wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit in den kommenden Monaten weiter vertiefen, da die GCC-Regierungen in einem beispiellosen Umfang mit Projekten und Direktinvestitionen ‚Legitimität‘ und ‚Wohlstand‘ für sich und ihre Bevölkerung einkaufen werden. Die Höhe der Investitionen (mehrere USD 100 Mrd.), die hier kurzfristig zur Verfügung gestellt wurden, zeugen von der Angst der GCC-Regimes, ebenfalls in den Strudel des Arabischen Frühlings hineingezogen zu werden.
Die angekündigten Massnahmen scheinen aber primär für Symptom-Bekämpfung und weniger für strukturelle Verbesserungen eingesetzt zu werden. Damit besteht zwar einerseits eine kurzfristige Chance für ausländische Firmen, (‚window of opportunity‘) von diesen Investitionen zu profitieren. Andererseits besteht mittel- und langfristig (in fünf bis zehn Jahren) für die GCC- Länder das Risiko, dass die grundsätzlichen Herausforderungen ihrer Gesellschaften (Arbeitslosigkeit, Bevölkerungswachstum, Ressourcen-Übernutzung vor allem beim Wasser etc.) nicht ernsthaft angepackt werden. Eine harte Landung mit Korrekturen könnte den Golfstaaten somit in einigen Jahren drohen.
Die Herausforderungen bleiben im Grundsatz für die ganze Region die gleichen und kulminieren in der Frage: Wie kann eine rasant wachsende Bevölkerung besser am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren (‚trickle down effect‘) und gleichzeitig in einen politischen Öffnungsprozess integriert werden? Die MENA- Länder stehen vor der doppelt schwierigen Aufgabe, sowohl an der Wirtschaftsfront als auch an der Legitimitätsfront (Politik) rasch Resultate vorweisen zu müssen, ansonsten ein weiteres Ausufern des Chaos droht. Die GCC-Regierungen haben aufgrund ihres finanziellen Spielraums hier mehr Möglichkeiten und vor allem auch mehr Zeit. Den Beweis, dass die eingeleiteten Massnahmen nachhaltig zur Lösung der Herausforderungen und damit zur Erhöhung der politischen und wirtschaftlichen Partizipation der Gesellschaften beitragen, müssen aber auch sie eines Tages erbringen.
Wirtschaftliche Aussichten in Nordafrika und im Nahen Osten
Die Nachfrage exportorientierter Schweizer Unternehmen nach Osec-Dienstleistungen zur Unterstützung ihrer Marktexpansionen in der MENA-Region fokussiert sich immer mehr auf die GCC-Länder, während das Interesse an den nordafrikanischen und nahöstlichen Märkten eingebrochen ist. Viele Firmen warten zu mit dem Entscheid, ob sie investieren wollen oder nicht, und dies zu Recht. Die kriegerischen Ereignisse in Libyen und die bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse in Syrien und im Jemen haben sich in den vergangenen Wochen noch deutlich verschlimmert. Beobachter rechnen mit einer lang anhaltenden Phase der Instabilität.
Auch in Ägypten deutet zurzeit viel auf einen schwierigen Wechsel vom alten Regime zu einer neuen, offeneren Gesellschaft hin. Im ersten Quartal schrumpfte die ägyptische Wirtschaft laut dem eigenen Finanzministerium um 7%. Dies ist nicht weiter erstaunlich, kollabierte doch beispielsweise der mit 17% zum BIP beitragende Tourismus-Sektor im genannten Zeitraum (80% weniger Einnahmen). Eine weitere wichtige Einnahmequelle für die ägyptische Wirtschaft, die Überweisungen von in Libyen beschäftigten Ägyptern ist ebenfalls komplett zum Erliegen gekommen. Dies und ein massiver Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen (die ägyptische Investitionsagentur GAFI spricht von USD 400 Mio. weniger als im Vorjahr) werden 2011 wohl zu einem der schlechtesten Jahre für die ägyptische Wirtschaft machen. Eine der grössten Herausforderungen scheint laut neuesten Berichten die sich immer weiter verschlechternde Sicherheitslage in den grossen ägyptischen Städten zu sein. Das mittelfristige Potenzial Ägyptens bleibt aber unbestritten. Wann und wie dieses sich entfalten wird, hängt primär von einer Konsolidierung und Stabilisierung der politischen Situation ab. Diese lässt immer noch auf sich warten.
Von einem Markteintritt oder Investitionen in Libyen, Syrien oder im Jemen aber auch in Ägypten muss im Moment abgeraten werden. Engagements in Tunesien sind sehr sorgfältig zu prüfen. In allen Staaten ist weiterhin mit einer erhöhten Instabilität und hohem Risiko zu rechnen.
Aktuelle Einschätzung zu den einzelnen Ländern:

Wirtschaftliche Aussichten in den Golfstaaten
Die Situation in den GCC-Staaten ist stabil (Ausnahme Bahrain). Das Geschäftspotenzial nimmt weiter deutlich zu. Die Regierungen sind daran, grosse Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung zu tätigen. Die Schweizer Firmen haben hier sehr gute Chancen, berücksichtigt zu werden. Die Osec und der Swiss Business Hub Gulf States (GCC) machen gemeinsam mit den Pool-of-Experts-Mitgliedern und den Partnern in der Region mit einer pro-aktiven Kommunikation Schweizer Firmen auf dieses Potenzial und die stabile politische Lage aufmerksam. Unsere Konkurrenz aus Europa und Asien schläft nicht. Der hohe Ölpreis und die weiter steigende Bereitschaft der Regierungen in den Golfstaaten, die Öleinnahmen rasch zu investieren und damit für breite Bevölkerungskreise wirksam werden zu lassen, haben zu einer deutlichen Zunahme der Geschäftsmöglichkeiten geführt. Das Risiko, dass in Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder Saudi Arabien in nächste Zeit Unruhen ausbrechen könnten, wird weiterhin als gering bis sehr gering beurteilt. Zu den wichtigsten Staaten im Detail:
Vereinigte Arabische Emirate (VAE)
Die VAE schreiten mit der Diversifizierung ihrer Wirtschaft weiter voran. Seit 2001 hat der Anteil von Öl und Gas am BIP von 43% auf 33% abgenommen. Insbesondere Handel und Tourismus, aber auch ein wachsender Finanzplatz tragen das ihre zum Wohlstand der Emirate bei. Als eines der wenigen Länder in der Region (Katar kann als das andere genannt werden) haben die UAE kurzfristig von den Unruhen in der Region eher profitiert. Insbesondere Dubai konnte sein durch die Finanzkrise arg ramponiertes Image neu als ‚sicherer Hafen‘ für Gelder und Menschen aus den MENA-Ländern positionieren. So haben die Unruhen in Bahrain zu einer Verlagerung von Teilen des dortigen Finanzzentrums nach Dubai geführt. Eine Entwicklung, die von vielen Beobachtern als irreversibel bezeichnet wird. Im ersten Quartal 2011 nahm zudem der Handel Dubais gegenüber 2010 um 37% zu.
Als wichtigster Aussenhandelspartner Indiens profitiert vor allem Dubai von seinen historisch gewachsenen Beziehungen zum Subkontinent und wächst parallel zum Boom in Indien mit. Auch der Handel mit Afrika nimmt stark zu. Viele internationale Firmen haben in den letzten Jahren ihren regionalen Firmensitz für Indien, die Golfstaaten und Afrika nach Dubai verlegt. Die günstigen Kosten nach dem Platzen der Spekulationsblase in Dubai ziehen nun weitere Firmen insbesondere aus Asien (China und Südkorea) an, die ebenfalls in Afrika nach neuen Märkten suchen. Aufgrund der zunehmenden Unsicherheit in den MENA-Ländern verlagern die VAE ihre Geschäfte weiter nach Asien und Afrika. Für Schweizer Firmen besteht die Möglichkeit, sich in der Dienstleistungs-Drehscheibe Dubai niederzulassen, von wo die ganze Region bedient werden kann, sich aber auch vor Ort zusätzliche grosse Geschäftschancen in den Bereichen Cleantech und Health (Medtech und Pharma) sowie bei der Erstellung von Infrastrukturen für den öffentlichen Verkehr und im Konsumgüterbereich (Food & Beverage) auftun.
Katar
Das kleine Emirat Qatar schlägt zurzeit alle Rekorde. Nicht nur hat es als bisher kleinstes Land die grösste Sportveranstaltung der Welt (Fussballweltmeisterschaft 2020) für sich gewinnen können, sondern es ist mittlerweile auch das Land mit dem unbestritten höchsten Pro-Kopf-Einkommen und dem grössten BIP-Wachstum (voraussichtlich 17% in 2011). Durch eine konsequente Entwicklung des Flüssiggas-LNG-Sektors ist es mittlerweile der weltweit grösste LNG-Exporteur und das Land mit den zweitgrössten Erdgasreserven. Dies macht Katar zwar weiterhin sehr abhängig von Preisschwankungen auf dem Weltmarkt, da Gas aber im Gegensatz zu Öl eine deutlich tiefere Preis-Volatilität hat, scheint damit ein eher geringes Risiko verbunden zu sein. Die Regierung hat von Anfang sehr aktiv die Aufständischen in der Region unterstützt und als erstes arabisches Land der NATO Flugzeuge zur Unterstützung der Befreiungsbewegung in Libyen zur Verfügung gestellt. Die Unruhen in der Region haben das Land bislang nicht betroffen. Es gilt zur Zeit als eines der stabilsten Länder der ganzen weiteren Region – und aufgrund des grossen Investitionsvolumens in den kommenden Jahren zu Recht auch als eines der vielversprechendsten für ausländische Investoren.
Saudi Arabien
Die Ankündigung des 86-jährigen König Abdullah bin Abulaziz bin Saud, zusätzlich zu den bereits versprochenen USD 36 Mrd. nochmals weitere USD 93 Mrd. kurzfristig in die Wirtschaft zu pumpen, zeugt von der wachsenden Besorgnis des saudischen Königshauses, die Unruhen der umliegenden Staaten könnten auch im Königreich Verbreitung finden. Die annähernd USD 130 Mrd. werden aber letztlich nur ein Strohfeuer zünden und die wirklichen Probleme des Landes nicht beheben. Die Bevölkerung des Landes wächst rasend schnell, und die Regierung hat bis dato keine Lösung zur Schaffung von mehr Jobs für die einheimische Bevölkerung gefunden. Schätzungen gehen von bis zu 30% Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen aus. Tendenz stark steigend.
Die Schaffung eines nachhaltigen Wachstums des Privatsektors wäre demnach von zentraler Bedeutung. Die Investitionen gehen aber zu einem grossen Teil an die Sicherheitskräfte und das religiöse Establishment. Mit der Unterstützung dieser beiden Pfeiler der Macht kann das Königshaus zwar kurzfristig die Stabilität zementieren, gibt aber gleichzeitig wichtige Ressourcen für die strukturelle Anpassung des Privatsektors aus der Hand. Das Land wird nichtsdestotrotz in den kommenden drei bis fünf Jahren einen grossen Wachstumsschub durchmachen. Vor allem in den Bereichen Ausbildung, Gesundheit, Energie (erneuerbare Energien!), Wasser, Konsumgüter, Infrastruktur und öffentlicher Verkehr Konsumgüter werden grosse Geschäftsmöglichkeiten entstehen. Dies gilt es für Schweizer Firmen nutzbar zu machen.
Aktuelle Einschätzung zu den einzelnen Ländern:

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