Effizienz trifft Potenzial – Schweizer Wege zur russischen Modernisierung
An den Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sochi sind auch Schweizer KMU beteiligt, vor allem beim Aufbau der Infrastruktur. Das Potenzial für weitere Schweizer Exporteure ist riesig, wie die Veranstaltung «Russland: Milliarden-Investitionen in Infrastruktur und Innovation» der Osec vom 1. Dezember 2011 gezeigt hat. Mit dabei waren hochrangige Vertreter der Schweiz und Russlands.
Die beiden bevorstehenden Sportgrossanlässe in Russland – die Olympischen Winterspiele 2014 in Sochi und die Fifa-Fussball-WM 2018 – haben die dortige Regierung zu milliardenschweren Investitionen veranlasst. Russland ist tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung: Während der Aussenhandel der Schweiz aufgrund der weltweit schwächelnden Konjunktur mit den meisten Ländern praktisch stagniert, stiegen die Schweizer Exporte nach Russland im laufenden Jahr um rund 16%. Für die Sportstätten und die Infrastruktur der Olympischen Winterspiele 2014 werden USD 34 Mrd. investiert, und für die Fussball-WM in elf russischen Städten ist von Planungen in der Höhe von USD 50 Mrd. die Rede.
Geduld und Zeit
Ein wichtiger Mann im Stadion von Sochi ist der Schweizer Charles R. Botta. Der Gründer, Präsident und CEO der Botta Management Group AG in Baar, ist oberster Projektleiter der Stadionbauten in Sochi. Er kennt die Verhältnisse vor Ort bestens. Zudem ist Botta erfahrener Projektleiter beim Bau mehrerer Fifa-Stadien. Er zeigte am Osec-Event, welche Fortschritte das Vorhaben in Sochi macht. «Russland ist kein einfacher Markt», betonte er. Sein Rezept zur Bewältigung von Projekthürden: «Geduld und Zeit». Es habe seit dem Projektbeginn «viel Durchhaltewillen» gebraucht, doch wenn man den aufbringe, «dann funktioniert es».
Gefragte Finanzierungen
Ein weiteres Fallbeispiel für einen Markteintritt in Russland präsentierte Guido Steiner, der als Head of Public Security bei der Atos Schweiz AG in Zürich tätig ist. Die Atos ist weltweiter IT-Partner der Olympischen Spiele – es geht um den Aufbau von Funknetzen und auch ihre Finanzierung. Steiner erwähnte die wertvolle Partnerschaft mit der Exportrisikoversicherung SERV. Atos Schweiz ist für den weltweit tätigen Konzern die Projektzentrale für die Vorhaben in Russland. Die Formalitäten seien komplex, aber machbar, sagte Steiner. Als entscheidend für ein erfolgreiches Russland-Engagement bezeichnete er einen zuverlässigen lokalen Support, der bei rechtlichen Aspekten, der Sprache und bei offiziellen Vorgängen zur Seite steht.
Schnelle Reaktion aus Moskau
Dass zentralistische Strukturen von Vorteil sein können, erklärte Bruno Röthlisberger. Der Manager der Amberg Engineering AG aus Zürich und Sargans leitet einige äusserst anspruchsvolle Tunnelverbindungen zwischen Sotschi und der 36 Kilometer Luftlinie entfernten und viel höher gelegenen Skidestination Krasnaya Polyana. Es geht um Auto- und Eisenbahnstollen inklusive Rettungsstollen. Röthlisberger erläuterte, wie es nur dank einer durchsetzungsfähigen Instanz auf Auftraggeberseite möglich war, drängende Weichenstellungen wie etwa eine neue Streckenführung binnen kurzer Frist vorzunehmen: «In der Schweiz wäre das niemals so schnell gegangen.» Als Beispiel nannte er eine Anfrage, über die der Kreml direkt entschieden hatte – und zwar innert nur drei Tagen, unmittelbar vor den orthodoxen Weihnachtsfeiertagen.
Vom Anlass konkret profitiert
Nach seinem Eindruck von der Osec-Veranstaltung befragt, erklärte Daniel Rehmann, Managing Director der Basler Firma Russia Contact, am Anlass habe sich erneut gezeigt, dass man mit Messeteilnahmen (etwa an den SWISS Pavilions der Osec) und über die Swiss Business Hubs gute Anknüpfungspunkte finden könne. Letztlich hänge jedes Geschäft von den persönlichen Beziehungen ab und von der eignen Kompetenz. Und wie steht es mit KorruptionKorruption behindert den freien Wettbewerb in zahlreichen Ländern. Abklärungen über einen ausländischen Markt sollten deshalb das Korruptionsrisiko einbeziehen. Die Nicht-Regierungsorganisation Transparency International erstellt regelmässig einen Corruption Perceptions-Index für rund 90 Länder.
Mit Hilfe dieses Index lässt sich das relative Niveau des Korruptionsrisikos im Zielmarkt abschätzen. Der Index integriert 16 Untersuchungen von acht unabhängigen Organisationen und vermittelt damit ein recht gutes Bild. 1999 veröffentlichte Transparency International einen weiteren Index, der Exportländer nach ihrer Neigung zum Anbieten von Bestechungsgeldern einstuft (Bribe Payers Index). Die Schweizer Vertretung im jeweiligen Zielmarkt orientiert Unternehmen auf Anfrage mündlich über ihre Einschätzung zu politischen und anderen Risiken im Zielland. und Behördenwillkür? Die, sagte Rehmann, sei spürbar im Abnehmen begriffen. Das Business mit russischen Partnern werde zunehmend berechenbar.
Ganz ähnliche Erfahrungen am Anlass machte Othmar Koch, Head of Market Development von SFS intec in Heerbrugg SG. «Man muss sich sein eigenes Marktbild durch regelmässige Kontakte mit den russischen Kunden und Partnern aufbauen und eine individuelle Analyse für seine Geschäftsnische erstellen», sagte er. Das Exportgeschäft laufe gut. Wichtig sei vor allem: den Partner vor Ort nahe begleiten, klar führen, zu Eigeninitiative motivieren und schrittweise mit mehr Entscheidungskompetenzen ausstatten. Weiter brauche es eine starke russische Führung in der Firma, begleitet von einem Schweizer Manager, der eine operative Coaching-Funktion wahrnimmt – natürlich auch vor Ort. Der Besuch der Osec-Veranstaltung habe auch fürs persönliche Networking «viel gebracht», bestätigte er.
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