Early-Mover-Vorteile nutzen

Wer die Chancen erkennt und frühzeitig handelt, kann sich in Indien in den Sparten Food Technology und ICT strategische Vorteile verschaffen. Entscheidend ist dabei natürlich, dass die Ausgangslage, die anvisierten Nischen und etwaige Hindernisse richtig eingeschätzt werden. Wertvolle Entscheidungsgrundlagen liefern die neuen Osec-Marktstudien «The Indian Food Technology Sector» sowie «Information and Communications Technology in India».
Indiens Anziehungskraft auf Schweizer KMU nimmt kontinuierlich zu. Zurückführen lässt sich das unter anderem auf das grosse Marktpotenzial für Investitions- und Konsumgüter, das dank starker Binnennachfrage und steigender Kaufkraft der Mittelklasse (400 Mio. Inder verfügen inzwischen über ein jährliches Einkommen von mehr als USD 4000) auf der Basis eines soliden Jahreswirtschaftswachstums von 7 bis 8% auch langfristig gute Geschäftsperspektiven bietet.
Trendaussagen Swiss Business Hub India
Die wachsende Attraktivität Indiens bestätigt auch Fabian Stiefvater, Head Swiss Business Hub India: «Die Nachfrage nach Beratungsleistungen ist im Geschäftsjahr 2010/11 im Vergleich zum Vorjahr nochmals angestiegen und widerspiegelt die zunehmende Bedeutung des indischen Marktes für die Schweizer Exportindustrie. In den ersten drei Quartalen 2011 weisen die Schweizer Ausfuhren nach Indien ein Plus von 18% aus.» Auf die Art des Schweizer Engagements hin befragt, führt Stiefvater weiter aus: «Die Tendenz geht dahin, dass immer mehr Schweizer KMU nicht nur am indischen Absatzmarkt Interesse zeigen, sondern vermehrt auch Produktionsschritte und/oder die Montage nach Indien auslagern. Gründe dafür sind unter anderem der starke Franken, hohe Produktionskosten sowie Kunden, die Schweizer Unternehmen zur Präsenz im indischen Markt drängen.»
Indien braucht Nahrungsmitteltechnologie
Indien weist eine Reihe von Branchen mit hoher Dynamik auf. Jakob Heller, Senior Consultant South Asia Osec, verweist auf die Wichtigkeit der neuen Marktstudien und die Möglichkeiten, die sich im Bereich Lebensmittelverarbeitung ergeben: «Es wird geschätzt, dass in Indien rund 25 bis 30% der landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach der Ernte verloren gehen - aufgrund fehlender Verarbeitungsanlagen, mangelhafter Infrastruktur für die Nacherntebehandlung sowie unzureichender Verpackung, Lagerung und unsachgemässen Transports!»
Die Studie zeigt deutlich auf, dass im indischen Nahrungsmittelsektor ein grosser Bedarf an Investitionen in die technische Infrastruktur sowie an Know-how zur Nahrungsmittelerzeugung besteht. Dieser Bereich entwickelt sich stark und bietet Schweizer KMU vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten. Das setzt jedoch konkrete Marktinformationen voraus, wie sie die aktuelle Studie vermittelt.
Erfolge und Herausforderungen
Indiens Nahrungsmittelerzeugung hat in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Erfolge erzielt. Aber die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen sind nach wie vor enorm, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung bzw. Lebensmittelteuerung. In diesem Kontext werden grosse Hoffnungen in neue Technologien gesetzt: Ernteverluste sollen verringert und Nahrungsmittelerträge erhöht werden. Natürlich wird im Bericht auch auf hemmende Faktoren verwiesen, so zum Beispiel auf die mangelnde Organisation im Food-Sektor oder die unterentwickelte Infrastruktur über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Doch insgesamt besteht eindeutig die Chance des Early-Movers. In den Worten von Jakob Heller: «Das Zeitfenster ist jetzt offen. Wer sich gut informiert und die nötige Geduld mitbringt, findet in diesem riesigen Markt eine lukrative, zukunftssichernde Nische.» Wer seine Chancen vor Ort ausloten will, kann dies im Rahmen einer Fact Finding Reise vom 11. bis 17. März 2012 tun, die von der Osec, dem Swiss Business Hub India und den Verfassern der Studie organisiert wird.
Indiens ICT: der BinnenmarktIm engeren Sinn die Gesamtheit aller Märkte einer Volkswirtschaft, auf denen Güter und Dienstleistungen für den inländischen Verbrauch gehandelt bzw. erbracht werden. Die Regeln, die im schweizerischen Binnenmarkt gelten, sind im Bundesgesetz über den Binnenmarkt (Binnenmarktgesetz, BGBM, SR 943.02) vom 6. Oktober 1995 festgehalten.
Ein Binnenmarkt muss jedoch in einem weiter gefassten Sinn nicht auf die Volkswirtschaft eines Landes beschränkt bleiben. So vereinigt der Europäische Binnenmarkt die Märkte der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU). Der Binnenmarkt der EU ist ein Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital gewährleistet ist. Den einzelnen Mitgliedstaaten soll so u. a. die Möglichkeit genommen werden, mit Hilfe einer protektionistischen Aussenwirtschaftspolitik (z. B. durch Zölle oder technische Handelshemmnisse) Importgüter zum Schutz der inländischen Wirtschaft und ihrer Produkte zu verteuern. Entscheidend für die Verwirklichung des Europäischen Binnenmarktes waren ein 1985 in einem Weissbuch vorgelegtes Rechtssetzungsprogramm der Europäischen Kommission und die Einheitliche Europäische Akte von 1986, mit der die Gründungsverträge der EU ergänzt und erweitert wurden.
Mit dem Vertrag über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) wurde das Binnenmarktrecht der EU 19 auf die EFTA-Staaten Liechtenstein, Norwegen und Island ausgedehnt. Die Schweiz, ebenfalls Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), lehnte den Beitritt zum EWR 1992 in einer Volksabstimmung ab. lockt
Ein hierzulande wie auch global bekannter Wirtschaftsbereich Indiens ist der ICT-Sektor. Bisher machte Indiens ICT vor allem im Export, hauptsächlich im Segment Services, von sich reden. Inzwischen bietet der robuste Binnenmarkt gerade auch Schweizer KMU immer grössere Geschäftsmöglichkeiten. Die Anzahl von Schweizer ICT Firmen, die von Sourcing-Möglichkeiten im indischen ICT Markt profitieren, steigt (sei es durch Gründung von indischen Tochtergesellschaften zur Auslagerung von ICT Entwicklungsleistungen oder durch Auslagerung an Drittparteien). Viel Potenzial bieten die folgenden Schlüsselindustrien: Animation und Gaming, Automation, Bioinformatik, E-Governance, Finanz- und Gesundheitswesen sowie (Auto-/Elektro-)Industrie. Der Schlüssel zum Erfolg sowohl für die Entwicklung von international exportfähigen Produkten und Services wie auch für die Erschliessung des Marktes liegt in Kooperationen und Partnerschaften.
Das ICT Export Volumen Indien - Schweiz beträgt umgekehrt gemäss Schätzungen für das Kalenderjahr 2010 rund USD 450 bis USD 500 Mio. Nebst Schweizer Banken, Versicherungen und Grosskonzernen zählen auch die internationalen Organisationen (beispielsweise UNO, WHO) zu den Grosskunden der indischen ICT Firmen. Schweizer ICT Firmen können durch Kooperationen mit indischen Firmen Ihre Position im Schweizer Heimmarkt stärken - zumal indische ICT Firmen hinsichtlich Zugang zum Schweizer Markt mit verschiedenen Restriktionen und Markteintrittshürden konfrontiert sind (Visa, kontingentierte Arbeitsbewilligungen und zeitaufwändiges Verfahren, unterschiedliche kantonale Bestimmungen hinsichtlich Mindestentschädigung).
Kurzinterview Mitautorin Marktstudie ICT India
Speziell für das «export!»-Online-Magazin nimmt Purnima Khandelwal Stellung zu Fragen, die Schweizer KMU betreffen. Frau Khandelwal ist Director der InI Consulting in Mumbai.
Welche ersten Schritte müssen Schweizer KMU unternehmen, um Einblick in den indischen Binnenmarkt zu gewinnen?
Purnima Khandelwal: Ausserhalb der vorliegenden Studie stehen Schweizer KMU verschiedene Quellen offen. In einem ersten Schritt können der Swiss Business Hub Indien, Handelskammern sowie Wirtschaftsverbände kontaktiert werden. Zwei Schlüsselverbände sind die Confederation of Indian Industries (CII) und die Federation of Indian Chambers of Commerce and Industry (FICCI). Der führende Verband für die ICT ist NASSCOM.
Kann eine Schweizer Firma eine Nische selber erfolgreich bedienen, oder ist es unabdingbar, eine Partnerschaft oder eine Kooperation mit einem indischen Unternehmen aufzubauen?
Das Hauptziel besteht darin, das lokale Umfeld, die für Indien spezifischen Herausforderungen sowie die Erfolgsfaktoren für «Operational Excellence» richtig zu erfassen. Dafür gibt es verschiedene Ansätze: Zum Beispiel eine Partnerschaft mit einer lokalen Organisation, um die Geschäftspraxis und das Umfeld kennenzulernen. Oder die Anstellung eines lokalen Managements, wobei es hier für Schweizer KMU wichtig ist, die Performance des lokalen Managements unabhängig zu evaluieren, da man selbst mit den Verhältnissen noch nicht vertraut ist. Oder man engagiert ein Unternehmen, das für 2 bis 3 Jahre eine unabhängige Start-up- und Management-Unterstützung bietet. Es kann sein, dass eine solche Firma zwar kein Branchen-Know-how hat, dafür aber über ein lokales Netzwerk und das kulturelle Wissen verfügt. Das branchenspezifische Wissen wird in diesem Fall vom Schweizer KMU eingebracht. Dieses Vorgehen sorgt dafür, dass das Unternehmen in Schweizer Händen verbleibt.
Wie beurteilen Sie die Politik der indischen Regierung gegenüber ausländischen Firmen im Allgemeinen und Schweizer KMU im Speziellen, die in Indien tätig sind?
Die Richtlinien und Verfahren der indischen Regierung sind klar, übersichtlich und sehr fortschrittlich, im besonderen Masse gegenüber Unternehmen, die sich im ICT-Sektor bewegen. Die Regierung bietet eine Reihe von Anreizen und Unterstützungen für Firmen, die in diesem Feld tätig werden wollen. Die Auflagen für ausländische Direktinvestitionen wurden gelockert, und es braucht keine Genehmigung von der Zentralbank für die Betriebstätigkeit in Indien. Die Auslandsinvestitions- und Aussenhandelspolitik sowie die Sonderwirtschaftszonen mit ihren Technologieparks stehen alle im Dienste internationaler Firmen.
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