«Polen – Chancen in allen Branchen»

Für viele gilt Polen als eine Art «Musterschüler Europas». Die Aussagen von Miguel Fonollosa zielen in diese Richtung. Der Head Swiss Business Hub Polen hebt im Gespräch die anhaltend positive wirtschaftliche Entwicklung und die mehr als intakten Wachstumschancen des Landes hervor, das (zusammen mit der Ukraine) die Fussball-Europameisterschaft 2012 ausrichten wird.
Polen ging ziemlich unbeschadet aus den weltweiten Krisenjahren hervor. Man spricht sogar vom «Musterschüler Europas». Welche Faktoren sprechen für diese Einschätzung?
Die ausländischen Direktinvestitionen in Polen beliefen sich per Ende 2010 auf über EUR 140 Mrd. Hinzu kommen substantielle EU-Unterstützungsgelder. Polen gilt als attraktiver Produktionsstandort, unter anderem auch dank Sonderwirtschaftszonen. Dazu kommt, dass Polen die eigenen Exporte in den letzten Jahren stark steigern konnte. Das hat im Krisenjahr 2009 mitgeholfen, dass es als einziges OECD-Land ein positives Wirtschaftswachstum auswies. Von der Finanz- und Bankenkrise blieb Polen weitgehend verschont. Zwar hat sich das Wirtschaftswachstum während der Krise verlangsamt, doch es befindet sich erneut im Aufschwung. Für das Jahr 2011 prognostiziert man ein Wirtschaftswachstum zwischen 3,9 und 4,5%. Damit bleibt Polen ein «Musterschüler in Europa».
In welchen Bereichen hat Polen im letzten Jahrzehnt die meisten Fortschritte gemacht? Und welche Hindernisse müssen noch weggeräumt werden, um das Investitionsklima weiter zu verbessern?
Wichtige Gründe für Polens Erfolg sind die investitionsfreundliche Wirtschaftspolitik, die relativ niedrige Körperschaftsbesteuerung, der Zufluss von Fördermitteln und die wirtschaftliche Ausrichtung nach westlichen Modellen. Die Betriebe sind modern und haben technologisch weitgehend aufgeholt. Es haben sich bedeutende internationale Firmen der Automobil- und Flugzeugindustrie sowie der Elektrobranche angesiedelt. Internationale Dienstleistungsbetriebe profitieren vermehrt vom Potenzial gut ausgebildeter Absolventen. Auch die Pharmaindustrie lässt in grossen Mengen Generika in modernsten Produktionsbetrieben herstellen. Hingegen ist der schlechte Zustand des Strassennetzes ein Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung. Eine weitere mögliche Gefahr liegt in der Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften wegen des teilweise tiefen Lohnniveaus. Polens Schlüsselfaktoren für ein höheres Investitionsklima und den Standortvorteil liegen in der nachhaltigen Förderung von Forschung und Entwicklung.
Welche Impulse versprechen Sie sich von der Fussball-Europameisterschaft 2012 für das Land?
Für die Zeit der Spiele rückt Polen in den Mittelpunkt Europas. Viele werden beeindruckt sein, wie aufgeschlossen, modern und hilfsbereit die Polen sind. Polen ist längst in Westeuropa angekommen. Die bevorstehenden Spiele wirken wie ein «Booster» für die geplanten Infrastrukturprojekte. In den nächsten Jahren werden 900 Kilometer Autobahn und 2000 Kilometer Schnellstrassen gebaut, 1500 Kilometer Schienennetze saniert, 15 Bahnhöfe modernisiert, 300 neue Hotels errichtet und sechs Flughäfen überholt. Hinzu kommen die neuen EM-Stadien an den vier Austragungsorten. Doch am meisten würde ich mir wünschen, dass das Finalspiel zwischen Polen und der Schweiz ausgetragen wird (lacht).
Nicht zuletzt dank des dynamischen Binnenmarkts gilt Polen als der derzeit attraktivste Standort Mittelosteuropas. In welchen Sparten sehen Sie die grössten Chancen für Schweizer Produkte bzw. für die Präsenz vor Ort?
Generell haben Schweizer Produkte in allen Branchen gleichermassen Chancen, da sich die polnischen und schweizerischen Marktgegebenheiten nicht grundsätzlich unterscheiden. Auch das Qualitätsbewusstsein ist in Polen gestiegen. Diese Chance nehmen Schweizer Unternehmen noch zu wenig wahr. Es lohnt sich, den Exportmarkt Polen zu prüfen und die innovativen Vorteile von Schweizer Erzeugnissen zu nutzen. Die Bereiche Cleantech und Medtech bieten dafür gute Einstiegschancen. In letzter Zeit sind vermehrt Kooperationen entstanden, bei denen Schweizer Produzenten aufgrund des Markt- und Preisdrucks Industriefabrikate in Polen fertigen lassen. Mit Blick auf das Exportvolumen dominieren die klassischen Schweizer Exportbranchen wie die Pharma-, Chemie- und die Maschinen- und Elektroindustrie. Schweizer Luxusartikel sind in Polen ebenfalls sehr beliebt, doch die Kaufkraft liegt tiefer als in der Schweiz.
Welche Hürden gilt es bei einem Markteintritt in Polen besonders im Auge zu behalten? Und was kann die Osec konkret zu einem erfolgreichen Einstieg beitragen?
Die grösste Hürde ist sicherlich die polnische Sprache. Nicht immer reichen die Englisch- oder Deutschkenntnisse der polnischen Geschäftspartner aus. Im Weiteren ist der Markteintritt für ein Schweizer KMU der schwierigste Schritt. Angesichts der gut etablierten Konkurrenz ist eine sorgfältige Markteintrittsplanung umso wichtiger. Genau hier ist Unterstützung gefragt: durch die Osec als Expertin im Exportgeschäft und durch den Business Hub Polen mit lokaler Erfahrung und Wissen vor Ort. Typische Dienstleistungen sind Marktanalysen und -abklärungen, die Geschäftspartnervermittlung und Messebeteiligungen unter dem Gemeinschaftsdach «SWISS Pavilion». Wir begleiten Schweizer Unternehmen auch nach einem Markteintritt, das heisst KMU haben über den Swiss Business Hub Polen direkten Zugang zu den wichtigsten Partnern aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur.
Wagen Sie eine Prognose: Wie werden sich die Handelsbeziehungen Polen-Schweiz in den nächsten Jahren entwickeln?
Generell sind polnische Unternehmer grosse Optimisten. Mehr als die Hälfte erwartet für 2011 einen Anstieg der Geschäftstätigkeit. Mit einem Zuwachs von 14% ist Polen eines der europäischen Länder, in die Schweizer Exporte im letzten Jahr proportional am stärksten gewachsen sind. Die polnische Wirtschaft dürfte in den nächsten Jahren weiterhin substanziell wachsen – zum Vorteil der schweizerischen Exportindustrie. Polen wird für die Schweiz der wichtigste Absatzmarkt in Mittelosteuropa und das zweitwichtigste Herkunftsland für Güterimporte bleiben.
Miguel Fonollosa, Head of Swiss Business Hub Polen
Weitere interessante Artikel
Direkter Zugang zu Expertenwissen
export! jetzt kostenlos abonnieren
Jetzt Osec-Mitglied werden!
Osec Mitgliedschaft: gemeinsam erfolgreich - weltweit.




Anmelden