«KMU müssen ihre Chancen ausloten»

Roger Zbinden, Head Swiss Business Hub Japan

Das Streben nach Qualität und die Bereitschaft, langfristige Geschäftsbeziehungen einzugehen, verbinden die Schweiz und Japan, erklärt Roger Urs Zbinden, Hub-Leiter der Osec in Tokio.

Herr Zbinden, wie hat Japan das Erdbeben, den Tsunami und das Reaktorunglück vor einem dreiviertel Jahr bisher verarbeitet?
Roger Zbinden: Zunächst muss man – so trocken das klingen mag – die Verhältnisse sehen. Direkt betroffen von den Zuständen sind mehrere hunderttausend Menschen. Japan hat aber insgesamt gut 128 Mio. Menschen. So herrscht schon seit längerem wieder Courant normal, gerade auch in den grösseren Städten. Emotionell hat die Dreifachkatastrophe aber schon tiefe Spuren hinterlassen.

Und die hohe Staatsverschuldung in zweifacher Höhe des Bruttoinlandprodukts – ist das keine Hypothek?
Tatsächlich sind die Schulden recht hoch – die höchsten im OECD-Raum. Doch im Gegensatz zu anderen hoch verschuldeten Ländern werden die Schuldpapiere zu 95 Prozent vom japanischen Publikum gehalten. Es sind also sozusagen Herr und Frau Tanaka sowie die Unternehmen, die Gläubiger sind. Dass hier kein Grund zur Sorge besteht, zeigt auch die Nichreaktion der nationalen und internationalen Börsen auf die Herabstufung der Moody’s-Einschätzung auf AA3. Und da die Zinsen sozusagen auf null sind, ist die Finanzierung auch nicht so teuer. Klar ist aber auch, dass die Schuldenwirtschaft langfristig keine Option darstellt.

Dann wäre da noch das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung.
Das ist tatsächlich eine Herausforderung für Japan. Hier ist das Land sozusagen Weltmeister – und an einem Punkt, an dem die Schweiz in etwa zehn Jahren stehen dürfte. Doch ein wichtiges Arbeitskräftepotenzial schlummert noch: die weibliche Bevölkerung und die vielen jüngeren Leute, die keine vollwertigen Jobs haben. Ein weiteres kulturelles Phänomen ist der tiefe Anteil der ausländischen Bevölkerung, der unter zwei Prozent liegt.  Es fehlt eine klare Immigrationspolitik, ein Thema, das in Öffentlichkeit und Politik kaum debatiert wird.

Sind von der Wahl des neuen Regierungschefs Yoshihiko Noda Impulse zu erwarten?
Es ist zu hoffen. Kritischer Punkt ist das Verhalten der vielen Fraktionen in seiner eigenen Partei (DPJ) sowie der Opposition (LPD). Wenn die machtpolitisch motivierten Grabenkämpfe weitergehen, wird sich das wirtschaftspolitische Umfeld auch nicht ändern. Viele prominente Unternehmensführer kritisieren nun offen die verfehlte und nicht kohärente Wirtschaftspolitik.

In welchen Bereichen stellen Sie einen Wandel fest?
Erstens tut Japan einen grossen Schritt in Richtung erneuerbare Energien und haushälterischen Umgang mit Energieträgern. Gerade die privaten Haushalte waren hier keine Vorbilder, doch es tut sich etwas. So wurde im Sommer bei den Klimaanlagen viel Energie gespart. Bei der hier herrschenden Feuchtigkeit und Hitze ist das sozusagen ein persönliches Opfer. Von den 54 Atomkraftwerken im Lande sind zeitweise nur 17 am Netz gewesen. Die Appelle der Regierung zum Stromsparen haben genützt. Energieintensive Produktionsunternehmen haben ihr Wochenende auf Donnerstag und Freitag verschoben und am Samstag/Sonntag gearbeitet. Hier zeigt sich eine grosse Flexibilität, die vielleicht in der Schweiz nicht möglich gewesen wäre. Zweitens steigt die Zahl der internationalen Übernahmen – viele japanische Unternehmen sitzen auf grossen Liquiditätsreserven, die mangels guter Investitionschancen zurückbehalten wurden. Die Katastrophe hat vielen Unternehmen vor Augen geführt, dass eine geographische Dezentralisierung wesentlicher Unternehmensteile stark zur Risikominimierung führt. Zudem sind aufgrund der Wechselkurssituation nun mit dem starken Yen im Ausland gute und preisgünstige Investments möglich. Mit den Übernahmen von Nycomed durch Takeda und Landis & Gyr durch Toshiba wurde auch in der Schweiz investiert.

Wie können Schweizer Exporteure den Markt bearbeiten?
Für Schweizer Exporteure stellt Japan ein wichtiges Potenzial dar. Exporteure sollten dabei gezielt nicht nur den Endkunden anvisieren, sondern auch versuchen, wesentliche Teile bestehender Wertschöpfungsketten bereitzustellen, das heisst, den B2B-Markt zu bearbeiten. Der Wettbewerb ist allerdings sehr anspruchsvoll. Es sind gute Margen zu erzielen, aber die Qualität der Produkte und Dienstleistungen muss auf höchstem Niveau sein. Dies geht weit über das Produkt hinaus und umfasst auch Verpackung, Design und das Finish. Wer es aber in Japan schafft, kann fast in jedem Land erfolgreich Geschäfte machen. So ist Japan auch ein gutes Einstiegsland für den ganzen asiatischen Raum, beispielsweise bei Halbfabrikaten und für China. Das Land ist mittlerweile der wichtigste Handelspartner Japans. Daher kann der lokale Markt auch als Sprungbrett nach China verwendet werden. In Japan ist die Rechtssicherheit ähnlich hoch wie in der Schweiz und daher das Risiko geringer als bei einem direkten Markteintritt in China.

Wo liegen die grössten Chancen?
Das sind Medtech, Pharma und die Maschinenindustrie. Der Medtech-Markt Japans ist nach den USA der zweitgrösste der Welt und bietet ein hohes Preisniveau mit guten Margen. Bei Cleantech sind es vor allem erneuerbare Energien und Nachhaltigkeitsinvestitionen. Die Maschinenindustrie ist einerseits ein grosser Konkurrent der Schweiz auf dem Weltmarkt, andererseits auch ein Abnehmer spezialisierter Halbfabrikate.

Wie charakterisieren Sie die Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz mit Japan?
Beide Länder pflegen einen regen Handelsaustausch und sind auch durch Direktinvestitionen auf hohem Niveau verbunden. Die Schweiz ist trotz ihrer geringen Marktgrösse im sogenannten «1-Prozent-Club», das heisst, sie gehört zu den vielleicht etwa 15 Ländern, wo mehr als 1 Prozent der japanischen Ausfuhren hingehen. 3,3 Prozent der Schweizer Exporte gehen nach Japan. Die bilateralen Handelsbeziehungen wurden durch das seit zwei Jahren bestehende FreihandelsabkommenFreihandelsabkommen erfassen im Regelfall den grenzüberschreitenden Warenverkehr zwischen den Vertragsparteien. Waren, die unter solche Abkommen fallen, kommen in den Genuss von Zollbegünstigungen bzw. Zollbefreiung. Sie müssen allerdings Ursprung in einem der Vertragsstaaten haben, um von dieser präferenziellen Behandlung zu profitieren.

Die Schweiz hat mit verschiedenen Staaten und Staatengruppen Freihandelsabkommen abgeschlossen.
wesentlich gestärkt. Im nächsten Jahr treten zusätzlich zum Freihandelsabkommen noch ein Sozialversicherungs- sowie ein DoppelbesteuerungsabkommenDoppelbesteuerungsabkommen verhindern, dass Einkünfte und Vermögenswerte in zwei Ländern besteuert werden. Durch DBA wird insbesondere die Benachteiligung unserer Wirtschaft gegenüber ausländischen Konkurrenten vermieden. Die Schweiz hat mit allen bedeutenden industrialisierten Ländern Abkommen abgeschlossen zur Vermeidung einer Doppelbesteuerung. Die Abkommen regeln die internationalen Steuersachverhalte wie Befreiung der Gewinne aus Betriebsstätten im Partnerstaat, Rückforderungen der Quellensteuer und Besteuerung der Lizenzgebühren.

Im Kampf gegen “Steueroasen“ hat die Organisation G-20 am 2. April 2009 unser Land auf die „graue Liste“ gesetzt. Schon zuvor gingen Kritik und Drohungen verschiedener Staaten an die Adresse der Schweiz im Zusammenhang mit der Frage des Informationsaustausches in Steuerfragen. Bereits am 13. März 2009 hatte der Bundesrat beschlossen, dass die Schweiz den OECD-Standard bei der internationalen Amtshilfe in Steuersachen nach Art. 26 des OECD-Musterabkommens übernehmen und den Informationsaustausch im Einzelfall auf konkrete und begründete Anfrage mit anderen Ländern ausbauen will. Der Bundesrat hatte in Folge Verhandlungen zur Revision von Doppelbesteuerungsabkommen, insbesondere mit OECD-Staaten, aufgenommen. Am 25. September 2009 unterschrieb die Schweiz ein DBA mit Katar. Innerhalb eines halben Jahres - zwischen März und September 2009 – hatte die Eidgenossenschaft zwölf DBA nach Kriterien der OECD mit erweiterter Amtshilfe unterschrieben. Im Gegenzug wurde unser Land von der „grauen Liste“ der OECD gestrichen.

Doppelbesteuerungsabkommen unterstehen gemäss Bundesverfassung nicht dem fakultativen Referendum, wenn sie gegenüber früher geschlossenen Verträgen keine wichtigen Zusatzverpflichtungen beinhalten. Diese Regelung soll nach dem eventuellen Referendum wegen der zwischen März und September 2009 abgeschlossenen Doppelbesteuerungsabkommen für die weiteren Abkommen wieder gelten, teilte der Bundesrat mit.

Die Übersicht aller von der Schweiz abgeschlossenen DBA sowie aktuelle Informationen sind auf der Website der Eidgenössischen Steuerverwaltung abrufbar.
in Kraft. Die staatlichen Rahmenbedingungen werden also immer besser. Jetzt müssen die KMU ihre Chancen ausloten. Und hier kann der Swiss Business Hub konkrete und wertvolle Hilfe leisten.

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Zur Person

Roger Urs Zbinden, Leiter Swiss Business Hub Japan

Roger Urs Zbinden (50), Hub-Leiter Japan in Tokio, studierte in Bern Wirtschaft und erlangte berufsbegleitend den MBA an der Universität Warwick. Er war unter anderem Management-Trainer bei den SBB und Verantwortlicher für neue Medien bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 2003 bis 2011 war Zbinden, der auch Japanisch spricht, in Tokio Regionaldirektor Asien von Schweiz Tourismus.

 

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