«Geografisch fern – wirtschaftlich immer näher»

Thomas Foerst, Consultant Latin America, antwortet im Interview auf Fragen zu aktuellen Themen rund um lateinamerikanische Länder. Dabei zeigt sich, dass nicht nur Wachstumsmotoren wie Brasilien interessant sind, sondern auch Chile, Peru und Kolumbien, die sich alle auf dem Radar von Schweizer KMU befinden. Auch für direkte Fragen steht Thomas Foerst gerne zur Verfügung – zum Beispiel an der Länderberatung Lateinamerika, die am 10. und 11. Mai sowie am 13. Mai 2011 stattfindet.
Das Wachstum Lateinamerikas beeindruckt. Es gibt aber Stimmen – wie der IWF –, die am Beispiel Brasiliens vor einer Überhitzung warnen. Teilen Sie diese Befürchtung?
Wir haben diese Befürchtungen auch gelesen und werden dies im Auge behalten. Brasilien ist jedoch der grösste Markt und praktisch ein Kontinent für sich, der weiterhin stark wächst. Laut Goldman Sachs wird Brasilien 2050 die fünftgrösste Volkswirtschaft der Welt sein. Ausserdem ist es von den Rating-Agenturen in letzter Zeit auf die Stufe «Investment Grade» gehoben worden – ein weiteres Anzeichen, dass die Wachstumsgrenze noch nicht erreicht ist.
Die positive Entwicklung der Handels- bzw. Exportzahlen 2010 hat sich in den ersten beiden Monaten 2011 fortgesetzt. Äussert sich das auch im Engagement von Schweizer Firmen vor Ort?
Ja, das ist sicherlich so. Wir verzeichnen weiterhin vermehrtes Interesse von Schweizer KMU an Südamerika. Vor allem an Brasilien – 40 % unserer Exporte nach Südamerika gehen in dieses Land. Auch Chile, Peru und Kolumbien sind auf dem Radar der KMU. Entsprechend mehr Anfragen haben wir für diese Länder in den letzten 18 Monaten verzeichnet.
Trotz steigendem Interesse liegt das Handels- und Exportvolumen mit Lateinamerika deutlich hinter Europa, Asien oder Nordamerika. Holt Lateinamerika auf?
Wir erwarten, dass eine Zunahme in der Region stattfinden wird. Nicht zuletzt wegen der FreihandelsabkommenFreihandelsabkommen erfassen im Regelfall den grenzüberschreitenden Warenverkehr zwischen den Vertragsparteien. Waren, die unter solche Abkommen fallen, kommen in den Genuss von Zollbegünstigungen bzw. Zollbefreiung. Sie müssen allerdings Ursprung in einem der Vertragsstaaten haben, um von dieser präferenziellen Behandlung zu profitieren.
Die Schweiz hat mit verschiedenen Staaten und Staatengruppen Freihandelsabkommen abgeschlossen., die mit Peru und Kolumbien unterzeichnet worden sind. Hier wird die Region Austral-Amerikas mit den aktuellen Wachstumszahlen von 4 bis 5,5 % sicher an Wichtigkeit gewinnen.
Länder wie Brasilien und Mexiko halten nach wie vor den Löwenanteil der Schweizer Exporte nach Lateinamerika. Wird sich die Dynamik, wie sie beispielsweise von Brasilien ausgeht, auch auf Nationen wie Kolumbien, Peru oder Chile auswirken?
Wir erwarten einen Zuwachs vor allem für Peru und Kolumbien, da diese Länder über interessante Märkte verfügen und handelsfreundlich sind. Beide Länder sind auch dank der erwähnten Freihandelsabkommen auf Expansionskurs und bieten Plattformen für Exporteure in der Region. Zudem zeichnen sich sie sich zusammen mit Chile durch ihre Stabilität, Demokratie und ihre «friendliness for doing business» aus. Viele Schweizer Firmen sind bereits vor Ort. Wir erwarten jedoch nicht, dass die erwähnten Länder ein vergleichbares Marktvolumen wie Brasilien entfalten, dies allein schon aufgrund der Marktgrösse.
Bestmögliche Bedingungen für den Markteintritt sind entscheidend. Was hat sich in den letzten Jahren auf der Ebene Freihandels- und DoppelbesteuerungsabkommenDoppelbesteuerungsabkommen verhindern, dass Einkünfte und Vermögenswerte in zwei Ländern besteuert werden. Durch DBA wird insbesondere die Benachteiligung unserer Wirtschaft gegenüber ausländischen Konkurrenten vermieden. Die Schweiz hat mit allen bedeutenden industrialisierten Ländern Abkommen abgeschlossen zur Vermeidung einer Doppelbesteuerung. Die Abkommen regeln die internationalen Steuersachverhalte wie Befreiung der Gewinne aus Betriebsstätten im Partnerstaat, Rückforderungen der Quellensteuer und Besteuerung der Lizenzgebühren.
Im Kampf gegen “Steueroasen“ hat die Organisation G-20 am 2. April 2009 unser Land auf die „graue Liste“ gesetzt. Schon zuvor gingen Kritik und Drohungen verschiedener Staaten an die Adresse der Schweiz im Zusammenhang mit der Frage des Informationsaustausches in Steuerfragen. Bereits am 13. März 2009 hatte der Bundesrat beschlossen, dass die Schweiz den OECD-Standard bei der internationalen Amtshilfe in Steuersachen nach Art. 26 des OECD-Musterabkommens übernehmen und den Informationsaustausch im Einzelfall auf konkrete und begründete Anfrage mit anderen Ländern ausbauen will. Der Bundesrat hatte in Folge Verhandlungen zur Revision von Doppelbesteuerungsabkommen, insbesondere mit OECD-Staaten, aufgenommen. Am 25. September 2009 unterschrieb die Schweiz ein DBA mit Katar. Innerhalb eines halben Jahres - zwischen März und September 2009 – hatte die Eidgenossenschaft zwölf DBA nach Kriterien der OECD mit erweiterter Amtshilfe unterschrieben. Im Gegenzug wurde unser Land von der „grauen Liste“ der OECD gestrichen.
Doppelbesteuerungsabkommen unterstehen gemäss Bundesverfassung nicht dem fakultativen Referendum, wenn sie gegenüber früher geschlossenen Verträgen keine wichtigen Zusatzverpflichtungen beinhalten. Diese Regelung soll nach dem eventuellen Referendum wegen der zwischen März und September 2009 abgeschlossenen Doppelbesteuerungsabkommen für die weiteren Abkommen wieder gelten, teilte der Bundesrat mit.
Die Übersicht aller von der Schweiz abgeschlossenen DBA sowie aktuelle Informationen sind auf der Website der Eidgenössischen Steuerverwaltung abrufbar. getan?
Wir haben Freihandelsabkommen mit Mexiko, Peru, Kolumbien und Chile unterzeichnet. Ein wesentlicher Teil unserer Exporte ist somit von Einfuhrzöllen befreit. Doppelbesteuerungsabkommen sind ausgehandelt beziehungsweise werden derzeit mit Mexiko, Chile, Kolumbien und Peru verhandelt.
Gibt es Schweizer Branchen, die generell in ganz Lateinamerika stark vertreten sind, oder zeigt sich ein heterogenes, von Land zu Land verschiedenes Bild?
Natürlich gibt es von Land zu Land strukturelle Unterschiede. Generell ist zu beobachten, dass Schweizer Produkte und Industrien einen guten Ruf in der Region geniessen. Häufig auf Interesse stossen Produkte aus den Bereichen innovative Maschinen, Medizinaltechnik, Elektrizitätsgewinnung sowie aus den Sparten erneuerbare Energien und Infrastrukturlösungen. Zusätzlich haben sich unsere Konsumentenprodukte vor Ort stark verbreitet, zum Beispiel Uhren, Schokolade und Käse. Ausserdem interessieren sich Chile, Kolumbien und Peru für Produkte im Bergbaubereich.
Können Sie Schweizer Unternehmen nennen, die beispielhaft sind für die Lateinamerika-Exportentwicklung?
Wir haben in den letzten Jahren viele Erfolgsstories begleitet, die in den Bereichen Maschinenindustrie, Pharma, Medizinaltechnik, Chemie und Konsumgüter angesiedelt sind. Die meisten Unternehmen sind systematisch und gut vorbereitet vorgegangen. Sie waren sich über die Herausforderungen und Risiken bewusst und haben eine klare Expansionsstrategie verfolgt. Gerade auf dem südamerikanischen Kontinent sind Schweizer Unternehmen wie Nestlé, ABB, Roche, Novartis, SIKA, Schindler, Zürich Versicherungen und Victorinox seit vielen Jahren wichtige Player.
Thomas Foerst, Consultant Latin America.
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