«Friede, Freude, Eierkuchen»

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Mit markanten Aussagen zeichnet Martin Matter, Head Business Hub Brazil in São Paulo, ein Bild Brasiliens, das von Optimismus, neuem Selbstvertrauen und einer starken Ausrichtung auf den Binnenmarkt geprägt ist. Selbstverständlich geht er auch auf die Geschäftsmöglichkeiten und die Risiken für Schweizer KMU ein.

Zwar hat Brasilien kürzlich seine Wachstumsprognosen für dieses Jahr aufgrund der schwächelnden Weltkonjunktur gesenkt, doch das Land steht besser da als viele andere. Worauf führen Sie das zurück?
Da haben verschiedene Faktoren zusammengespielt: Brasilien hat heute einen gesunden Finanzsektor, der aus früheren Schäden klug geworden ist; es gab also keine Kreditklemme. Auch die brasilianischen Staatsfinanzen sind relativ solide. Das erlaubte der Regierung, die Konjunktur anzukurbeln. Und schliesslich ist die brasilianische Bevölkerung grundsätzlich optimistisch eingestellt. Es gab keine Weltuntergangsstimmung, nur Friede, Freude, Eierkuchen. Das wirkte ansteckend auf die Unternehmen, die schon bald ihre Kapazitäten erweiterten, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Abgesehen vom Bergbau und anderen Einzelfällen, sind die meisten brasilianischen Firmen voll auf den BinnenmarktIm engeren Sinn die Gesamtheit aller Märkte einer Volkswirtschaft, auf denen Güter und Dienstleistungen für den inländischen Verbrauch gehandelt bzw. erbracht werden. Die Regeln, die im schweizerischen Binnenmarkt gelten, sind im Bundesgesetz über den Binnenmarkt (Binnenmarktgesetz, BGBM, SR 943.02) vom 6. Oktober 1995 festgehalten.

Ein Binnenmarkt muss jedoch in einem weiter gefassten Sinn nicht auf die Volkswirtschaft eines Landes beschränkt bleiben. So vereinigt der Europäische Binnenmarkt die Märkte der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU). Der Binnenmarkt der EU ist ein Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital gewährleistet ist. Den einzelnen Mitgliedstaaten soll so u. a. die Möglichkeit genommen werden, mit Hilfe einer protektionistischen Aussenwirtschaftspolitik (z. B. durch Zölle oder technische Handelshemmnisse) Importgüter zum Schutz der inländischen Wirtschaft und ihrer Produkte zu verteuern. Entscheidend für die Verwirklichung des Europäischen Binnenmarktes waren ein 1985 in einem Weissbuch vorgelegtes Rechtssetzungsprogramm der Europäischen Kommission und die Einheitliche Europäische Akte von 1986, mit der die Gründungsverträge der EU ergänzt und erweitert wurden.

Mit dem Vertrag über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) wurde das Binnenmarktrecht der EU 19 auf die EFTA-Staaten Liechtenstein, Norwegen und Island ausgedehnt. Die Schweiz, ebenfalls Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), lehnte den Beitritt zum EWR 1992 in einer Volksabstimmung ab.
ausgerichtet. Sie können den Export und damit die Weltwirtschaftslage praktisch vernachlässigen.

Kürzlich hat Bundesrat Johann Schneider-Amann mit einer Delegation im Rahmen seiner Südamerika-Wirtschaftsmission auch Brasilien besucht. Welche Impulse erwarten Sie von diesen Kontakten?
In Brasilien spielt die Regierung eine weitaus wichtigere Rolle in der Wirtschaft als in der Schweiz. Sie gestaltet nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern betreibt eine aktive Industriepolitik. Es ist daher wichtig für uns, die Kontakte mit den brasilianischen Behörden zu pflegen und ihnen die Schweiz als wirtschaftlichen Partner immer wieder in Erinnerung zu rufen. Letztlich geht es darum, den Marktzugang zu verbessern.

Die Schweiz verspricht sich von den BRIC-Staaten, allen voran Brasilien, viel. Wo sehen Sie die grössten Potenziale?
Brasilien ist inzwischen die siebtgrösste Volkswirtschaft der Welt, mit einer ausgeglichenen Branchenstruktur. Von der Sojabohne über das Verkehrsflugzeug bis zum Derivat wird alles hergestellt und konsumiert. Das heisst: Es gibt einen ansehnlichen Markt für fast alle Produkte und selbst für Nischenprodukte. Wie gross das Potenzial im Einzelfall ist, hängt wesentlich davon ab, wie die Konkurrenten aufgestellt sind, ob eine lokale Produktion bereits existiert, welche Rahmenbedingungen der Staat gesetzt hat. Mit anderen Worten: Das sollte von Fall zu Fall abgeklärt werden.

Können Sie Beispiele von erfolgreichen Schweizer Aktivitäten nennen?
Die grossen Schweizer Firmen sind seit Jahrzehnten in Brasilien tätig. Sie hatten ihre «ups and downs», aber es hat sich für die meisten ausgezahlt, dass sie drangeblieben sind. Für Firmen wie Nestlé und Syngenta gehört Brasilien heute zu den Top-Märkten. In letzter Zeit sind nun auch immer mehr KMU auf Brasilien aufmerksam geworden. Der Erfolg stellt sich in der Regel nicht von einem Tag auf den andern ein, aber Geduld und Einsatz werden belohnt: Nehmen Sie OVD Kinegram, den diesjährigen Osec Export Award-Gewinner, der sich mit beharrlichem Engagement einen Grossauftrag der brasilianischen Regierung gesichert hat.

Wenn man von Chancen und Potenzialen spricht, muss man fairerweise auch die Risiken ansprechen. Worauf sollten Schweizer bei einem Brasilien-Engagement besonders achten?
Brasilien sieht für Schweizer Geschäftsleute auf den ersten Blick weniger exotisch aus als China oder Indien. Es ist lateinisch geprägt und man könnte meinen, es sei so etwas wie ein grösseres Portugal. Man sollte sich aber nicht dazu hinreissen lassen, beim Aufbau des Geschäfts zu improvisieren. Wer einmal eine Zolldeklaration falsch ausgefüllt hat, wird sich wundern, wie viel es braucht, um sie nachträglich zu korrigieren. Da können die Brasilianer sehr formalistisch sein. Es lohnt sich wirklich, sich gründlich zu informieren – nicht nur über die Einfuhrvorschriften, sondern auch über die Geschäftspartner.

Welche Rolle spielt der Swiss Business Hub bzw. welche Unterstützung bieten Sie an?
Zusammen mit unserem Netzwerk von Experten beraten und begleiten wir Schweizer KMU beim Markteintritt in Brasilien. Wir liefern Entscheidungsgrundlagen für den strategischen Entscheid «go or no go». Wir helfen der Firma bei der Suche nach einem geeigneten Vertriebspartner – das ist in Brasilien matchentscheidend. Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass wir die richtige Seleção für sie zusammenstellen.

Martin Matter, Head Business Hub Brazil, São Paulo.

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