«Es wird weiter in Infrastruktur investiert»

Südafrika hat nicht nur touristisch einiges zu bieten: Die laufenden und geplanten Investitionen in die Infrastruktur des Landes sind gewaltig, das Wirtschaftswachstum ist beeindruckend. Wo die besten «Opportunities» für Schweizer Exporteure liegen und worauf Sie achten müssen, erklärt Max Bertschmann, Leiter des Swiss Business Hub in Pretoria, gegenüber «export!» im Interview.
Wie sieht die derzeitige wirtschaftliche Situation in Südafrika aus?
Das Wirtschaftswachstum 2011 war moderat – die Schätzung des Internationalen Währungsfonds liegt bei 3,4%, und für 2012 geht er von etwa 2,5% aus. Die südafrikanische Regierung muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen Arbeitsplätze generieren können. Entsprechend wurden diverse Programme und Anreize für Investitionen lanciert. Es wird weiterhin in Infrastrukturprojekte investiert, vor allem in den Bereichen erneuerbare Energien, öffentlicher Verkehr und Gütertransport. Und es gibt viele Erwerbszweige wie Automotive, Gesundheitsmarkt, Detailhandel und ICT, die im Vergleich zum Wirtschaftswachstum überproportional gewachsen sind und weiter wachsen werden.
Sind die Voraussetzungen für exportierende Schweizer KMU besser geworden?
«Think global, act local». Afrika ist der Exportmarkt der Zukunft. Afrika und Asien sind die beiden Kontinente, die weiterhin ein überdurchschnittliches Wachstum vorzuweisen haben. Hier spielt Südafrika eine wichtige Rolle als Ausgangsort, um die neuen Märkte erschliessen zu können. Die Voraussetzungen für Schweizer Firmen sind in Südafrika insofern gut, als sie in vielerlei Hinsicht einen sehr guten Ruf geniessen. Des Weiteren unterhält die Schweiz mit der Südafrikanischen ZollunionZusammenschluss mehrerer Länder mit der Absprache, bei gegenseitigem Güteraustausch keinen Zoll zu erheben und gegenüber Drittländern einen gemeinsamen Aussenzolltarif anzuwenden. Die Europäische Union (EU) ist das Beispiel einer Zollunion. Ihre Zollsätze sind im TARIC (Tarif Intégré de la Communauté) zusammengefasst und sind im Internet abrufbar. Eine Zollunion bilden auch die Schweiz und Lichtenstein; keine Zollunion ist hingegen die Freihandelszone Efta. SACU ein Freihandels-, ein Landwirtschafts- und ein Investitionsschutzabkommen. Darüber hinaus gibt es noch einige andere bilaterale Zusammenarbeitsabkommen, zum Beispiel im Bereich Forschung und Technologie.
Welche Lehren können Sie aus den verpassten Chancen Südafrikas nach der WM ziehen?
Welche verpassten Chancen? Südafrika hat der Welt bewiesen, dass es einen Grossanlass wie die Fussball-WM durchführen kann. Auch beispielsweise Kricket- oder Rugby-Weltmeisterschaften wurden schon mehrmals erfolgreich durchgeführt, auch wenn man davon in unseren Breitengraden weniger Notiz nimmt. Es wurde in nachhaltige Infrastrukturen investiert, etwa in den Bau von Flughäfen, Autobahnen, in den Transport per Bahn («Gautrain») und Bus. Und es wird weiterhin in die Infrastruktur investiert.
Welche auch für Schweizer KMU relevante Trends lassen sich derzeit ausmachen?
Der Süd-Süd-Handel nimmt stark zu. Besonders China, Indien und Brasilien, also die BRIC-Länder, gehören mittlerweile zu den wichtigsten Handelspartner Südafrikas. Südafrika als grösste Wirtschaft auf dem Kontinent und als Eingangspforte zur Sub-Sahara spielt hier eine wichtige Rolle. Die südafrikanischen Firmen gehören zu den grössten Investoren auf dem Kontinent.
Aus welchen Branchen kommen diese Investoren?
Aus der Finanzbranche, ICT, Detailhandel und dem Bergbau, nur um die wichtigsten zu nennen. Auch die kürzlich aufgenommenen Verhandlungen über eine FreihandelszoneGebiet, innerhalb dessen die Mitgliedsländer aufgrund von Verträgen untereinander ihre Handelshemmnisse (Zölle, Kontingente) abgebaut haben. Im Verhältnis zu Drittstaaten bleibt die jeweilige Zollautonomie der einzelnen Länder aber erhalten. Als Integrationsform unterscheidet sich die Freihandelszone von der Zollunion, deren Mitgliedsländer gegen Aussen ein einheitliches Zollrecht anwenden. In der Weltwirtschaft existieren zahlreiche Freihandelszonen. Ein Beispiel hierfür ist die EFTA, der auch die Schweiz angehört. COMESA-EAC-SADC deuten auf eine Stärkung des Standorts Südafrika hin. Südafrika als grösste Wirtschaft in der Region und auf dem Kontinent ist bestens positioniert, um davon zu profitieren – und damit indirekt auch die Schweizer Firmen vor Ort!
Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein …
Die Geschäftsmöglichkeiten sind vielfältig und oft sehr lukrativ, aber die Markterschliessung nimmt in der Regel viel Zeit und viel Geduld in Anspruch.
In welchen Branchen liegen die grössten Chancen für Schweizer KMU?
Bedingt durch die Stromknappheit in Südafrika bzw. den steigenden Bedarf muss Südafrika nach Alternativen Ausschau halten. Dabei spielen erneuerbare Energien, also Solar, Wind, Abfall, Biomasse und Wasserkraft, eine wichtige Rolle. Weiter bietet die Abfallbewirtschaftung, vor allem das Recycling, gute Einstiegsmöglichkeiten. Dazu kommen ICT mit einem jährlichen Wachstum von 8,7% und einem geschätzten Marktvolumen von USD 17 Mrd. bis 2015, der Gesundheitsmarkt, der 2011 um 8% wuchs, der Detailhandel mit einem Plus von über 8% und der Lebensmittelsektor. Stolze Zahlen weist auch Automotive auf: 13.5% Exportwachstum im letzten Jahr. Und was ich bereits erwähnt habe: In die Infrastruktur, insbesondere beim öffentlichen Verkehr, wird viel investiert. PRASA, die Passenger Rail Agency of South Africa, wird voraussichtlich im März 2012 mit der öffentlichen Ausschreibung zum Kauf von neuem Rollmaterial im Gesamtwert von rund CHF 10 Mrd. bzw. ZAR 97 Mrd. beginnen.
Welche konkreten Tipps können Sie Ihren Kunden geben, und wo sehen Sie Fettnäpfchen?
Ein erster Kontakt in Südafrika dient vor allem dem gegenseitigen Kennenlernen – man darf keine sofortigen Entscheidungen und Geschäfte erwarten. Südafrikas Geschäftsleute suchen den persönlichen Kontakt zu ihren Geschäftspartnern. Präsentationen alleine beeindrucken nicht. Die Logistik und Finanzierung des Geschäftes sind genauso wichtig wie das Produkt selbst. Zu forsches Auftreten, «harter» Verkauf und zu fordernd angesetzte Fristen erreichen oft genau das Gegenteil. Übrigens: Wer in Südafrika nicht erfolgreich Geschäfte tätigen kann, wird es in anderen afrikanischen Ländern sehr schwer haben.
Max Bertschmann, Counsellor und Head Swiss Business Hub South Africa, New Muckleneuk/Pretoria
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